3. Reisebericht – Vom Stolpsee nach Prerauer Stich

Schleusen
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oder: Der Vogel, das Buffet und der verlorene Schlaf

Die Nacht auf dem Stolpsee war wieder einmal hervorragend. Das Boot lag ruhig, die Temperaturen sanken endlich auf ein erträgliches Maß, und eigentlich hätte jetzt der übliche Satz kommen müssen: bewährtes Bordprogramm, Kaffee, Nachrichten, Lagebesprechung. Kurz gesagt: der zivilisierte Start in einen Bootstag.
Kam auch. Aber später.
Denn unser offizielles Weckprogramm begann bereits um 5:30 Uhr. Nicht mit Musik, nicht mit Sonnenaufgang, nicht mit dem sanften Gluckern des Wassers am Rumpf, sondern mit einem Geräusch, das irgendwo zwischen Stepptanz, Presslufthammer und nervösem Morsezeichen lag.
Zur Erklärung: Unser Dach ist fast vollständig mit PV-Modulen belegt. Nur ein paar kleine freie Flächen sind noch übrig. Technisch gesehen ist das sinnvoll. Für einen Vogel offenbar auch. Denn genau auf einer dieser freien Flächen, direkt auf der stramm gespannten Plane, hatte sich ein gefiederter Frühsportler eingefunden. Der liebe Gott hatte diesem Tier Flügel gegeben, vermutlich mit der klaren Absicht, dass es fliegt. Der Vogel sah das anders. Er hatte beschlossen, auf unserem Dach einen Marathon zu laufen.
Kurze, schnelle Schritte. Hin und her. Dann wieder ein energisches Klopfen mit dem Schnabel. Es klang, als wolle er prüfen, ob unter der Plane eventuell ein Hohlraum, ein Wurm oder gleich das Wohnzimmer liegt. Ich lag darunter und hatte zunehmend den Eindruck, demnächst durch frisch gestanzte Löcher den Himmel sehen zu können.
Also klopfte ich von innen energisch gegen das Verdeck.
Ruhe.
Für ungefähr fünf Sekunden.
Dann ging es weiter. Der Vogel düste wieder wie der rasende Roland über die Plane, diesmal offenbar mit noch größerem sportlichem Ehrgeiz. Ich klopfte erneut. Er pausierte. Ich hoffte. Er startete wieder. So ging das eine Weile: Vogel außen, ich innen, beide der festen Überzeugung, im Recht zu sein.
Irgendwann war tatsächlich Ruhe. Der Vogel verschwand, mein Schlaf allerdings auch.
Nun lag ich wach und hatte Zeit, über diesen morgendlichen Angriff auf die Nachtruhe nachzudenken. Und dann kam die Erleuchtung. In der Nacht brennt auf dem Dach unser Ankerlicht. Dieses Licht zieht Unmengen von Insekten an. Für uns ist es ein Sicherheitslicht. Für den Vogel war es offenbar das Schild: „Frühstücksbuffet eröffnet.“

Und mal ehrlich: Wer lässt sich schon gern von einem reichhaltigen Buffet vertreiben?
Schon gar nicht von einem müden Menschen, der von innen gegen die Decke klopft.
Später kam dann doch noch unser reguläres Morgenritual. Kaffee, Nachrichten, Lagebesprechung. Nur die Lagebesprechung fiel etwas anders aus, denn Ingrid hat in ihrer Kabine von all dem nichts mittbekommen, also erzählte ich meine Geschichte von:
Ich war wach, der Vogel satt, und das Boot hatte seine erste ornithologische Dachinspektion hinter sich.
Um 9:00 Uhr holten wir den Anker hoch. Es ging weiter in Richtung Zehdenick und Liebenwalde. Die Luft war noch angenehm, das Wasser ruhig, und nach dem frühen Vogeltheater fühlte sich selbst eine Schleusenfahrt fast erholsam an.
Um 10:30 Uhr erreichten wir die Schleuse Bredereiche. Weiter ging es um 11:15 Uhr durch die Schleuse Regow. Um 12:30 Uhr folgte die Schleuse Zaaren, und um 13:30 Uhr waren wir an der Schleuse Schorfheide. Schleuse um Schleuse arbeiteten wir uns voran.
Das klingt nüchtern, aber auf dem Wasser hat jede Schleuse ihre eigene kleine Persönlichkeit. Manche sind freundlich, manche träge, manche wirken, als hätten sie heute schon genug von Booten gesehen. Diese vier erledigten ihren Dienst ohne großes Drama. Nach dem Vogel am Morgen war uns das sehr recht.
Die Havel zeigte sich von ihrer schönen Seite. Wälder, Wasser, Licht, dieses langsame Weitergleiten, bei dem man merkt, warum man überhaupt losgefahren ist. Man kommt nicht nur voran, man sortiert sich auch innerlich ein bisschen. Der Blick wird weiter und der Kopf ruhiger.
Vorbei ging es an der Marina Alter Hafen und an der Marina Neuer Hafen. Damit auch vorbei am Ziegeleipark Mildenberg, diesem Industriemuseum mitten in der Zehdenicker Tonstichlandschaft. Den hatten wir uns vor zwei Jahren angeschaut. Ein beeindruckender Ort: alte Technik, Ziegelgeschichte, Wasserflächen und das Gefühl, dass hier früher nicht einfach gearbeitet wurde, sondern richtig malocht. Wer glaubt, Ziegel seien nur rote Steine, sollte dort einmal hingehen. Danach sieht man jede Backsteinwand mit etwas mehr Respekt an.
Um 15:30 Uhr erreichten wir unseren Ankerplatz auf dem Prerauer Stich. Der Anker fiel, das Boot richtete sich ein, und wir gleich mit. Eigentlich wollten wir am Sonnabend weiter nach Liebenwalde. Eigentlich. Dieses Wort ist auf Reisen immer gefährlich. Es steht gern am Anfang von Planänderungen.
Der Grund war schlicht: Hitzealarm. Eine Marina klingt grundsätzlich praktisch, aber bei solchen Temperaturen kann sie sich schnell anfühlen wie ein Parkplatz ohne Schatten, nur mit Wasser daneben. Also entschieden wir uns gegen die Marina und für den See. Eine Entscheidung, die nicht besonders schwerfiel. Der See hatte Wind, Wasser und die Möglichkeit, jederzeit hineinzuspringen. Die Marina hatte vermutlich Strom, Steg und stehende Luft.
Der Sieger stand fest.
Deshalb bleiben wir erst einmal hier und fahren frühestens Sonntag oder Montag weiter. Liebenwalde läuft uns nicht weg.
Und so endet dieser Tag auf dem Prerauer Stich: mit einem zufriedenen Boot, einem erschöpften Skipper, einer zufriedenen Bootsfrau, einem dreisten Vogel und der leisen Frage, ob der nächste Morgen wieder mit Kaffee beginnt – oder erneut mit einem Frühstücksgast auf dem Dach.

Na was sagt man denn dazu, der Vogel als Schatten
warten bis das Tor hoch geht
Das steht an jeder Schleuse
Die Havel schlängelt sich durch die brandenburgische Landschaft