- Schleusen
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Es ist Montag, der 29. Juni. Nach drei Tagen brütender Hitze verlassen wir unseren Ankerplatz am Prerauer Stich. Brütend heißt in diesem Fall nicht „ein bisschen warm“, sondern 40 noch was Grad im Schatten – nur dass wir den Schatten leider nicht mitgebucht hatten. Unsere persönliche Klimaanlage bestand aus einem Sprung ins Wasser. Alle halbe Stunde. Rein, raus, trocknen, schwitzen, wieder rein. Ein Tagesablauf, der zwar simpel ist, aber bei solchen Temperaturen erstaunlich überzeugend wirkt.
Irgendwann war klar: Wir müssen weiter. Also Anker hoch, Motor an, Kurs Richtung Schleuse Zehdenick. Das Boot glitt los, als hätte es selbst genug vom Stillliegen in der Backofenabteilung der Havel.
An der Schleuse Zehdenick war allerdings Geduld gefragt. Vor uns hatte ein Schubschiff mit einer Schute voller Granitsteine Vorrang. Die Ladung war für die Uferbefestigung bestimmt und wirkte so, als hätte jemand ein Stück Mittelgebirge auf ein Schiff gekippt. Gegen so viel Gewicht diskutiert man nicht. Man wartet. Das ist auf dem Wasser ohnehin eine Grundfähigkeit: Warten, ohne beleidigt auszusehen.
Nach einiger Zeit klappte das Schleusen dann doch noch, und wir konnten gemütlich weiter in Richtung Liebenwalde fahren. Dort wartete die Zugbrücke, und danach der Stadthafen. Wie schon gewohnt bekamen wir wieder unseren Stammplatz: längsseits am ersten Steg. Man kann darüber lächeln, aber ein guter Liegeplatz ist wie ein guter Parkplatz vor dem Supermarkt – man weiß ihn erst richtig zu schätzen, wenn ein anderer ihn hat.
Auch wenn es keine 40 Grad mehr waren, brachte uns die Hitze bei deutlich über 30 Grad noch immer ordentlich ins Schwitzen. Die einfachste Methode, das innere Gleichgewicht wiederherzustellen, war deshalb schnell beschlossen: Hafengaststätte. Sofort. Ohne lange Debatte.
Am ersten Tag gab es Kassler mit Spiegelei und Bratkartoffeln. Bodenständig, kräftig und genau das Richtige, wenn man das Gefühl hat, der eigene Kreislauf sei kurz davor, sich beim Hafenmeister abzumelden. Das Wichtigste aber war ein großes, eiskaltes Radler. Es kam auf den Tisch wie ein medizinisches Präparat mit Schaumkrone. Wirkung: unmittelbar.
Am Nachmittag stand Lidl auf dem Programm. Nicht nur wegen der Vorräte, sondern auch wegen der Klimaanlage. Wir gingen hinein, und innerhalb weniger Sekunden war klar: Diesen Ort freiwillig wieder zu verlassen, würde Charakter erfordern. Draußen wartete die Hitze wie ein Wachhund. Drinnen standen Regale, kühle Luft und die Versuchung, sich unauffällig neben den Milchprodukten niederzulassen.
Am Dienstagvormittag schnappte ich mir den Benzinkanister, schnallte ihn auf den Rolli und marschierte zur Tankstelle. Ein einfacher Auftrag. Dachte ich. Mein größter Fehler: keine Kopfbedeckung. Die ganze Zeit prallte die Sonne auf meinen Kopf, als hätte sie mich persönlich auf der Liste.
Nun sind wir Afrika und Mittelamerika gewöhnt. Wir kennen Hitze. Wir kennen Sonne. Wir kennen auch dieses Gefühl, wenn der Körper sagt: „Geht schon noch“, während der Kreislauf bereits heimlich die Koffer packt. Auf dem Rückweg merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Beine wurden weich, der Kopf merkwürdig leicht, und plötzlich musste ich mich an einem Geländer festhalten. Nicht aus Interesse an der Architektur, sondern weil mein Kreislauf gerade eigene Wege ging.
Am Boot angekommen, bekam ich von Ingrid die passende Predigt. Inhaltlich etwa: „Du bist wohl völlig verrückt geworden.“ Dazu kamen noch einige Ergänzungen, die ich hier aus Gründen der ehelichen Diplomatie nur zusammenfasse. Sagen wir so: Die Botschaft war klar, berechtigt und wurde mit der nötigen Lautstärke zugestellt.
Zur Entspannung gingen wir noch einmal essen. Ich entschied mich für eine köstliche Linsensuppe, die nicht nur schmeckte, sondern meinen Kreislauf wieder in die Spur brachte. Manche Menschen schwören auf Elektrolyte. Ich sage: Eine gute Linsensuppe hat auch medizinische Qualitäten, besonders wenn sie sogut schmeckt wie diese.
Nebenbei fiel in Liebenwalde auch eine wichtige Entscheidung. Wegen der Wasserstände bei Dömitz – gerade einmal 20 Zentimeter – verabschiedeten wir uns von der Idee, dort die Elbe zu passieren. Das war kein Wasserstand, das war eher eine feuchte Andeutung. Also Plan B: Potsdam und Brandenburg an der Havel. Plan C hätte bedeutet, wieder über die Oder nach Norden zu fahren und dann auf dem Stettiner Haff nicht nach Polen abzubiegen, sondern Richtung Mönkebude, Ückermünde, Peenestrom und Freest. Klingt gut. Vielleicht beim nächsten Mal. Reisen brauchen schließlich Reserven – nicht nur im Tank, sondern auch im Kopf.
Am Mittwoch, dem 01.07., ging es weiter Richtung Lehnitzsee. Wir passierten die Schleuse Liebenwalde und später die Schleuse Lehnitz. Beide erledigten ihren Dienst, und wir arbeiteten uns weiter durch Brandenburgs Wasserlandschaft. Auf dem Lehnitzsee fanden wir, wie so oft, einen richtig schönen Ankerplatz. Es ist bemerkenswert, wie zuverlässig man nach einiger Zeit ein Gefühl dafür entwickelt: Dort drüben ist es gut. Nicht zu offen, nicht zu eng, genug Ruhe, genug Wasser, genug Abstand zu Menschen, die Musikboxen für Navigationsgeräte halten.
Um uns herum tummelten sich Enten, Schwäne, Frösche und Graureiher. Ein komplettes Naturtheater, nur ohne Eintrittskarte. Brandenburg kann das. Rund 3.000 Seen gibt es hier, und dazu kommen noch etwa 7.000 kleinere Seen unter einem Hektar. Wer Wasser liebt, ist in Mecklenburg-Vorpommern sowieso richtig – aber Brandenburg muss sich wirklich nicht verstecken. Es steht nur etwas leiser daneben und sagt: „Ich hätte da übrigens auch noch ein paar tausend Seen.“
Am nächsten Morgen weckten uns die Vögel mit ihrem Gesang. Diesmal ohne Dachmarathon, ohne Schnabelklopfen und ohne den Versuch, unsere Plane in ein Frühstücksbuffet umzubauen. Sehr angenehm. Nach Kaffee und Startvorbereitung ging es weiter nach Oranienburg.
Wir fuhren bis zum Bollwerk des beeindruckenden Schlosses Oranienburg. Man sagt, es sei das schönste Schloss Brandenburgs. Ob das stimmt, sollen Fachleute entscheiden. Beeindruckend ist es allemal. Eine dieser Anlagen, bei denen man unwillkürlich etwas gerader sitzt, selbst wenn man nur mit dem Boot vorbeifährt.
Dann kam uns der Nachbau des Seglers „Sehnsucht“ entgegen – ein ordentlich goldverziertes holländisches Plattbodenschiff. Es sah aus, als hätte jemand Geschichte, Handwerk und eine großzügige Portion Prunk in ein Schiff gegossen. Das Vorbild war die „Große Yacht“ des Großen Kurfürsten, gebaut 1679. Ein Schiff also, das nicht einfach fährt, sondern auftritt.
Eigentlich wollten wir an der Terrasse anlegen. Eigentlich. Aber es war kein Platz mehr. Der noch vorhandene Platz war für die Ausflugsschiffe reserviert. Also kein Schlossstopp für uns. Was soll’s. Auf dem Wasser lernt man, nicht beleidigt zu sein, wenn ein Plan nicht aufgeht. Man fährt weiter und tut so, als wäre genau das ohnehin der bessere Gedanke gewesen.
Für die Nacht und den nächsten Tag war strammer Wind vorhergesagt. Wir brauchten also einen Liegeplatz im Windschatten des Südwestwinds. Nicht irgendwie geschützt, sondern richtig. Einer, bei dem das Boot nicht die ganze Nacht an der Ankerkette zerrt wie ein Hund, der eine Katze gesehen hat.
Und wir fanden wieder einmal einen genialen Platz: auf dem Nieder Neuendorfer See. Windschutz, Ruhe, gute Lage. Einer dieser Plätze, bei denen man beim Ankern schon spürt: Das passt. Man richtet sich ein, schaut übers Wasser und denkt, die Welt könne jetzt bitte für ein paar Stunden genau so bleiben.
Am nächsten Morgen hatten wir noch die Kaffeetassen in der Hand, da begann vor unserer Nase ein Schauspiel, das wir so nicht bestellt hatten. Erst sahen wir schwarzen Rauch aufsteigen. Nicht ein bisschen Rauch, nicht ein harmloses Grillwölkchen, sondern diese Sorte Rauch, bei der jeder sofort weiß: Da brennt etwas Größeres.
Der starke Wind fauchte in die Flammen und trieb die Qualmwolke vor sich her. Wir hatten Glück: Die mittlerweile riesige schwarze Wolke zog haarscharf an uns vorbei. Der ganze Dachstuhl eines Mehrfamilienhauses stand in Flammen. Ein Anblick, bei dem einem der Kaffee plötzlich ganz egal wird.
Ich hatte schon die Hand am Schalter der Ankerwinsch. Falls starker Funkenflug kommen sollte, wären wir sofort weg gewesen. Nicht hektisch, aber ohne Diskussion. Ein Boot ist beweglich, und manchmal ist genau das der entscheidende Vorteil.
Nach und nach trafen immer mehr Einsatzkräfte ein. Rund neun Feuerwehren waren vor Ort, dazu Rettungswagen. Blaulicht, Schläuche, Kommandos, Wasserfontänen, Rauch, Wind – ein Einsatz, bei dem man schon vom Zuschauen Respekt bekommt. Später erfuhren wir, dass keine Personen zu Schaden gekommen waren. Das war die wichtigste Nachricht des Tages.
Wir können nur sagen: Hut ab und Chapeau vor den Feuerwehrleuten und Rettungskräften, die sich unermüdlich diesem Feuer entgegengestellt haben. Während wir vom sicheren Ankerplatz aus zusahen, arbeiteten sie dort unter Hitze, Rauch und Druck. Das relativiert sehr schnell jede eigene Unbequemlichkeit.
Eigentlich nennt man solche Szenen am Hafen ja „Hafenkino“. In unserem Fall war es eher „Ankerplatzkino“. Allerdings von der Sorte, auf die man gut verzichten kann. Für einen Reisebericht reicht es allemal. Für die Nerven auch.











