- Schleusen
- 1
Von der Warteschlange vor Spandau nach Potsdam oder: Wenn Pläne baden gehen
Am Samstag um 10:00 Uhr hieß es wieder: Anker hoch. Der Nieder Neuendorfer See blieb achteraus, und wir machten uns auf den Weg Richtung Berlin. Genau genommen fuhren wir auf der Grenze zwischen Berlin und Brandenburg entlang – links ein Bundesland, rechts ein Bundesland, unter uns Wasser und vor uns die alte Bootsfahrerweisheit: Irgendwo wartet bestimmt eine Schleuse.
Sie wartete in Spandau.
Um 11:30 Uhr erreichten wir die Schleuse Spandau, und hier gehört Geduld nicht zur Empfehlung, sondern zur Grundausstattung. Wer dort ohne Geduld ankommt, sollte sie sich spätestens vor der Einfahrt im Bordshop kaufen. Es war inzwischen 12:00 Uhr, und die Aussicht, in Kürze durchzukommen, war ungefähr so groß wie die Chance, dass ein Schleusentor aus Mitleid schneller aufgeht. Ein Frachtschiff wurde erwartet. Und Frachtschiffe haben Vorfahrt. Immer. Das ist kein Vorwurf, das ist Naturgesetz mit Stahlrumpf.
Während wir also warteten und innerlich schon begannen, mit der Schleuse über unsere Lebenszeit zu verhandeln, klingelte das Telefon. Christian war dran. Durch unsere Berichte wusste er, dass wir in Berlin waren. Und Christian und Brigitta – das ist eine dieser Geschichten, bei denen man beim Erzählen selbst merkt, wie unwahrscheinlich sie klingt. Aber genau so war es.
Kennengelernt hatten wir uns in Greifswald. Wir lagen damals mit unserem 17 Meter langen Segelboot Hembadoo in der Marina. Christian und Brigitta planten, später ebenfalls eine Weltumsegelung zu unternehmen, und suchten Informationen aus erster Hand. Ihr Charterkapitän zeigte mit dem Finger auf uns und sagte sinngemäß: „Zu denen müsst ihr gehen. Genau so sehen Langstrecken-Segler aus.“
Das kann man als Kompliment nehmen. Oder als Hinweis darauf, dass man offenbar schon etwas salzverkrustet, sonnengegerbt und werkzeugkoffernah wirkte.
Wir nahmen es als Kompliment.
So lernten wir uns kennen. Vier Jahre später flog ich mit nach Griechenland, um eine gebrauchte Yacht zu begutachten, auf der die beiden die nächsten zehn Jahre leben wollten. Ein halbes Jahr danach luden sie uns ein, das Schiff von Griechenland nach Spanien zu überführen. Und nun waren Christian und Brigitta gerade von Spanien nach Berlin gekommen, um ein paar Dinge zu erledigen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir verabredeten uns spontan am Tegeler See.
Das bedeutete: Motor anwerfen, aus der Warteschlange ausscheren, der Schleuse Spandau den Rücken kehren und zurück zum Stadtanleger am Tegeler See. Es gibt Momente, da verliert eine Schleuse ihre Wichtigkeit, weil ein Wiedersehen wichtiger ist.
Außerdem ist jede gute Ausrede willkommen, wenn man ohnehin nicht vorankommt.
Das Anlegen am Tegeler See war allerdings keine Einladung zum gemütlichen Einparken. Starker Wind und reichlich Grünzeug im Wasser machten daraus eine kleine praktische Prüfung. Das Boot wollte anlegen, der Wind hatte Gegenvorschläge, und das Grünzeug benahm sich wie eine schwimmende Dekoration mit Sabotageabsicht.
Aber schließlich lagen wir fest.
Kurz nach dem Anlegen stand Christian auch schon auf der Matte. Es war, als hätte jemand eine alte Geschichte einfach an der nächsten Seite weitergeschrieben. Wir gingen zum Quatschen und Essen zum Kroaten. Solche Treffen brauchen keine große Dramaturgie. Man sitzt zusammen, isst, erzählt, lacht, springt gedanklich zwischen Greifswald, Griechenland, Spanien und Berlin hin und her und merkt: Manche Bekanntschaften sind keine Zufälle, sondern wiederkehrende Kapitel.
Und als wäre das noch nicht genug, hatte Tegel noch eine weitere Sehenswürdigkeit im Angebot – vor allem zum Hören:
das 41. Internationale Drehorgelfest. Man muss es erlebt haben. Drehorgeln haben eine besondere Wirkung. Nach den ersten Takten denkt man: nett. Nach zehn Minuten denkt man: erstaunlich. Nach einer halben Stunde beginnt man, innerlich im Takt zu marschieren und fragt sich, ob irgendwo gleich ein Leierkastenmann aus der Kaiserzeit um die Ecke biegt.
Wir hielten uns noch eine Weile bei der Tribüne der Tegeler Seeterrassen auf. Doch der Wind wurde stärker und kälter, und irgendwann war der kulturelle Vorrat ausreichend aufgefüllt. Wir flüchteten aufs Boot.
Nicht aus Desinteresse, sondern weil Unterhaltung mit Erfrierungsgefühl an Charme verliert.
Am Sonntag, dem 05.07., legten wir um 10:30 Uhr wieder ab. Der zweite Versuch, durch die Schleuse Spandau zu kommen, klappte dann tatsächlich. Wir waren vier Boote und wirkten in der riesigen Schleuse ein wenig verloren, wie Spielzeug in einer Badewanne für Frachtschiffe. Aber diesmal ging es voran. Tore zu, Wasserstand ändern, Tore auf – und Berlin ließ uns passieren.
Später fanden wir wieder einmal einen schönen, windgeschützten Ankerplatz am Ufer der Pfaueninsel. Die Pfaueninsel hat schon im Namen etwas leicht Überhebliches, aber sie darf das. Es ist ein besonderer Ort. Vom Wasser aus wirkt alles ein bisschen entrückt: Bäume, Ufer, Stille, Geschichte.
Ein Platz, an dem selbst der Anker etwas vornehmer fällt.
Am Montag, dem 06.07., ging nach unserem bewährten Ritual der Anker hoch. Pott Kaffee, Nachrichten, Lagebesprechung – ohne diese Reihenfolge würde an Bord vermutlich niemand ernsthafte Entscheidungen treffen wollen. Danach fuhren wir weiter über den Jungfernsee in Richtung Berlin-Steglitz-Zehlendorf und zum Tiefen See.
Dort machten wir Halt am hauseigenen Steg von Aldi. Und das hatte schon etwas. Normalerweise trägt man Einkäufe vom Supermarkt zum Auto. Wir fuhren mit dem Einkaufswagen direckt bis ans Boot. Das ist Luxus in seiner praktischsten Form. Kein langer Marsch, kein Schleppen durch die halbe Stadt, keine Diskussion darüber, ob man wirklich noch eine Packung mehr gebraucht hätte. Man lädt ein, verstaut, und das Boot sinkt wieder eine paar Zentimeter tiefer in die Gewissheit, gut versorgt zu sein.
Nachdem alles untergebracht war, ging es weiter über die Potsdamer Havel zum Templiner See. Unser Plan war eigentlich, einen halbwegs vernünftigen Liegeplatz in einer Marina oder in einem Club zu bekommen, von wo aus wir zu den Sehenswürdigkeiten von Potsdam gelangen könnten. Schloss Sanssouci, Innenstadt, Parkanlagen – das volle Programm. Potsdam lag so nah, dass man es fast riechen konnte. Nur anlegen konnte man nicht.Vielleicht waren wir zu früh in der Saison. Die Ferien hatten gerade erst begonnen, und die Häfen waren noch rappelvoll. Überall Boote. Große, kleine, breite, schmale, sportliche, gemütliche, und alle offenbar mit demselben Gedanken: Wir legen hier an. Für uns blieb nur die Erkenntnis, dass ein schöner Plan manchmal an einer simplen Tatsache scheitert: kein Platz.
Also liegen wir nun auf einem windgeschützten Ankerplatz auf dem Templiner See und bewerten erneut unsere Lage. Das klingt sachlich. In Wirklichkeit sitzt man da, schaut übers Wasser, denkt über Karten, Pegelstände, Entfernungen und Möglichkeiten nach und versucht, der Reise einen neuen roten Faden zu verpassen.
Das Thema Elbe hatten wir wegen Wassermangels schon vor geraumer Zeit aufgegeben. Wenn ein Fluss nicht genug Wasser hat, hilft auch Optimismus nur begrenzt. Und da es uns nun auch nicht gelungen ist, sinnvoll zu Potsdams Sehenswürdigkeiten zu gelangen, haben wir beschlossen, auf Brandenburg an der Havel ebenfalls zu verzichten und den Rückweg anzutreten.
Das klingt nach Rückzug. Ist es aber nicht. Es ist eher eine elegante Kurskorrektur. Eine Reise auf dem Wasser ist kein Eisenbahnfahrplan. Sie ist ein Gespräch mit Wetter, Wasserstand, Liegeplätzen und gelegentlich mit störrischen Schleusen. Manchmal sagt die Reise: „Nicht da lang.“ Dann antwortet man besser nicht mit Trotz, sondern mit einem neuen Kurs.
Unser neuer Gedanke: zurück zum Ellbogensee und dann nach rechts Richtung Müritzsee. Und wenn noch Zeit bleibt, vielleicht weiter nach Schwerin, das wäre der zweite Halbkreis unserer Rundreise. Das hätte seinen eigenen Reiz. Berlin, Potsdam und Schwerin – drei Landeshauptstädte auf einer Reise. Zumindest ein Ziel hätten wir dann erreicht.
Noch ist nichts endgültig. Der Templiner See liegt ruhig vor uns, das Boot hängt sicher am Anker, und irgendwo zwischen Karte, Kaffee und Wetterbericht entsteht bereits der nächste Plan. Erfahrungsgemäß wird er so lange halten, bis Wasserstand, Wind oder Wirklichkeit etwas anderes vorschlage


