1. Reisebericht – Ablegen, Schrauben, Fischsoljanka

Am Sonntag, dem 21.06., war es endlich so weit: Die Vorbereitungen waren abgeschlossen. Lebensmittel an Bord, Getränke verstaut, Hemd und Hose eingepackt, der Wassertank gefüllt und all die vielen Kleinigkeiten erledigt, die vor einer Bootstour angeblich „nur noch schnell“ gemacht werden müssen – ein Satz, der in der Praxis ungefähr so glaubwürdig ist wie „Ich bin gleich fertig“ vor einem Werkzeugschrank.

Im vorigen Jahr hatten wir festgestellt, dass wir viel zu viel mitgenommen hatten. Daraus lernt der vernünftige Mensch. Wir natürlich auch. Theoretisch. Dieses Jahr sollte alles schlanker, leichter, übersichtlicher werden. Weniger Ballast, weniger Kram, weniger „man weiß ja nie“. Das Ergebnis war beeindruckend: Es ist uns nicht gelungen. Das Boot lag zwar nicht beleidigt im Wasser, aber ganz sicher mit dem Gesichtsausdruck eines Lastesels, der ahnt, dass es wieder ernst wird.

Am Nachmittag legten wir ab. Der Motor lief, die Leinen waren los, Neustrelitz blieb langsam achteraus zurück. Ein schöner Moment. Einer dieser Augenblicke, in denen man denkt: Jetzt beginnt die Reise. Freiheit, Wasser, Weite. Und dann meldete sich die Technik. Nicht dramatisch, nicht laut, aber mit dieser hinterhältigen Sachlichkeit, die nur Elektrik beherrscht: keine Drehzahlanzeige.

Das Schaltpult hatte ich im Herbst komplett neu gebaut. Sauber, ordentlich, mit dem guten Gefühl, alles im Griff zu haben. Dieses gute Gefühl hielt ungefähr bis zum Ende des Zierker Sees. Dort kam der Anker rein, und aus der romantischen Ausfahrt wurde eine Fehlersuche auf dem Wasser. Andere genießen in solchen Momenten den Sonnenstand. Ich starrte auf Kabel.

Ganz einfach war die Sache nicht, denn ich hatte nicht den originalen Drehzahlmesser von Honda verbaut. Also begann das übliche Spiel: messen, überlegen, zweifeln, nochmal messen, innerlich mit dem Kabelbaum diskutieren. Nach einer Weile kam dann die Erleuchtung. Sie war nicht göttlich, aber elektrisch: Das schwarze Kabel war nicht Minus, sondern die Sensorleitung. Blau war Minus. Natürlich. Warum auch einfach, wenn es farblich verwirrend geht?

Also wurden die beiden Kabel getauscht. Ein kurzer Moment gespannter Erwartung – und siehe da: Die Drehzahlanzeige funktionierte. Der Motor hatte wieder eine Stimme, oder zumindest eine Nadel, die so tat, als würde sie ihm zuhören. Die Reise konnte weitergehen.

Durch den Kammerkanal ging es zur Schleuse Voßwinkel. Die Selbstbedienungsschleuse hatten wir ganz für uns allein. Kein Gedränge, kein hektisches Manöver, kein fremdes Boot, dessen Skipper genau in dem Moment eine kreative Interpretation von „langsam einfahren“ ausprobiert. Nur wir, die Schleuse und dieses leicht feierliche Gefühl, wenn sich hinter einem das Tor schließt und man denkt: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Zumindest nicht ohne erneut zu schleusen.

Danach ging es weiter zu unserem Ankerplatz auf dem Woblitzsee. Der erste Reisetag hatte also alles geliefert, was man braucht: Aufbruch, Technik, eine kleine Kabelkomödie und am Ende einen stillen See. Wir warfen den Anker, machten es uns gemütlich und verbrachten die erste Nacht an Bord.

Und was soll man sagen: Wir schliefen wie die Murmeltiere. Nicht dieses höfliche „ganz gut geschlafen“, sondern richtig. Tief. Zufrieden. Wahrscheinlich hätte neben uns ein Biber eine Gartenlaube bauen können, wir hätten höchstens im Traum gefragt, ob er eine Baugenehmigung hat.

Am Montag begann der Tag mit einer ordentlichen Kanne Kaffee und den obligatorischen Nachrichten. Erst Koffein, dann Weltlage – in dieser Reihenfolge lässt sich vieles besser ertragen. Danach ging es weiter durch die Schleuse Wesenberg. Die Fahrt nahm ihren ruhigen Rhythmus auf: Wasser vor dem Bug, Ufer links und rechts, immer wieder dieses Gefühl, dass man eigentlich genau dort ist, wo man gerade sein sollte.

Das nächste Ziel war der Fischereihof in Ahrensberg. Auf diesen Halt hatte ich mich schon die ganze Zeit gefreut. Genauer gesagt: auf die Fischsoljanka. Es gibt Gerichte, die isst man, und es gibt Gerichte, auf die fährt man zu. Diese Fischsoljanka gehörte eindeutig zur zweiten Sorte. Und ja, die Vorfreude war berechtigt. Sie schmeckte wieder großartig – kräftig, würzig, ehrlich. Eine Suppe, die nicht versucht, modern zu sein, sondern einfach weiß, was sie kann.

Jetzt ankern wir bei Bombenwetter auf dem Wangnitzsee. Die Sonne meint es gut, das Wasser hat 23,7 Grad, und das Boot liegt ruhig, als hätte es beschlossen, uns nach der gestrigen Kabelnummer wieder zu vertrauen.

So darf eine Reise beginnen: mit zu viel Gepäck, einem falschen Kabel, einer funktionierenden Drehzahlanzeige und einer Fischsoljanka, die jede kleine Panne sofort wieder relativiert. Und während der Wangnitzsee friedlich um uns herum glitzert, ahnen wir schon: Wenn der erste Tag bereits so anfängt, wird diese Tour garantiert nicht langweilig

Jetzt geht es los
Hurra, Drehzahlanzeige funktioniert wieder
Der Kammerkanal wird wieder schick gemacht
Hallo, ich bin in der Voßwinkel Schleuse
Zum Woblitzsee
Lecker Fischsoljanka in Ahrensberg