oder: Drei Frauen, ein Handy und ein Hafen voller Applaus
Wir fuhren früh bei Zeiten los, denn auf der Müritz gilt eine einfache Regel: Wer ruhiges Wasser will, sollte schneller sein als der Wind. Also hieß es rechtzeitig Anker hoch und Kurs Röbel. Die Kleine Müritz blieb hinter uns, vor uns lag der größte deutsche Binnensee, noch friedlich, noch glatt genug, um daran zu glauben, dass dieser Tag sich benehmen würde.
Röbel erreichten wir ohne Drama, und das darf man ruhig einmal lobend erwähnen. Es gibt an Röbel wirklich nichts auszusetzen. Der Stadthafen hat große, stabile Schwimmstege, an denen man nicht das Gefühl bekommt, bei jedem Schritt eine Mutprobe zu absolvieren. Der Ort selbst liegt hübsch am Seeufer, besitzt eine schmucke Altstadt und gleich zwei große Kirchtürme, die über den historisch gehaltenen Häusern stehen, als würden sie aufpassen, dass kein Tourist den Weg zum Hafen vergisst.
Auch die Versorgungslage ist erfreulich. Edeka und Aldi liegen keine fünf Minuten entfernt und sind sogar sonntags geöffnet. Für Bootsfahrer ist das ungefähr so wertvoll wie ein freier Liegeplatz mit Strom- und Wasseranschluss. Essen waren wir bei City Pizza, einem sehr schön eingerichteten indischen Restaurant. Der Name führt zwar kulinarisch erst einmal auf eine falsche Fährte, aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Und am Ende zählt auf Reisen nicht, ob der Name philosophisch sauber ist, sondern ob man satt und zufrieden wieder zum Boot zurückrollt.
Am zweiten Abend gab es dann Hafenkino. Diesmal ganz ohne Bootsunfall, ohne missglücktes Anlegemanöver und ohne Fenderdrama. Die Hauptrolle spielte ein Handy.
Einem jungen Mann, etwa 20 Jahre alt, fiel auf dem Steg das Telefon ins Wasser. Platsch. Weg. Ein Geräusch, das in unserer Zeit vermutlich mehr Panik auslöst als „Der Motor springt nicht an.“ Der junge Mann stand am Steg und fluchte.
Verständlich.
Allerdings blieb es zunächst auch dabei: Er fluchte. Das Handy lag im Hafenwasser, und er führte darüber offenbar eine sehr emotionale Ansprache.
Dann geschah das eigentlich Unglaubliche. Drei Frauen von dem großen Charterschiff – eine davon vermutlich seine Mutter – rissen sich die Sachen vom Leib und sprangen im Bikini ins kalte Hafenwasser. Ohne lange Diskussion, ohne Arbeitskreis „Handyrettung“, ohne Sicherheitsbesprechung. Rein ins Wasser und runter zum Grund.
Die dazugehörigen Kerle standen am Steg und rührten sich nicht. Vielleicht waren sie überrascht. Vielleicht fachlich nicht zuständig. Vielleicht prüften sie innerlich die Wassertemperatur und kamen zu einem ablehnenden Ergebnis. Jedenfalls blieb die Rettungsaktion fest in weiblicher Hand.
Das Hafenwasser war trüb, der Grund schlammig und über 2,5 Meter tief. Nach fünf Minuten hätte vermutlich jeder vernünftige Mensch gesagt: Das Ding ist weg. Die drei Frauen aber tauchten weiter. Und dann, kaum zu glauben, fanden sie das Handy tatsächlich.
Frierend, aber stolz wie Bolle, tauchten sie wieder auf. Eine von ihnen hielt das Telefon mit ausgestrecktem Arm in die Höhe, als hätte sie gerade einen Schatz aus einem versunkenen Piratenschiff geborgen. Rundum brandete Applaus von den Besatzungen der umliegenden Boote auf. Völlig zu Recht. So viel Einsatz sieht man nicht jeden Tag. Der junge Mann hatte sein Handy wieder, und der Hafen eine Geschichte, die noch eine Weile erzählt werden dürfte.
Am nächsten Tag ging es weiter nach Waren. Wir fuhren dicht an der Klinik vorbei. Dort war Ingrid zur Reha, nachdem sie in Altentreptow wie ein moderner Cyborg mit einem Hüftgelenk aus Edelstahl ausgerüstet worden war. Wenn man an so einem Ort vorbeifährt, ist das nicht einfach nur Landschaft. Dann fährt auch ein Stück Erinnerung mit. Krankenhaus, Reha, Wiederaufbau – und nun wieder auf dem Wasser. Das hat schon etwas.
Am Hafen von Waren fuhren wir vorbei. Wir hatten alles an Bord, was wir brauchten, und ehrlich gesagt ist uns der Hafen für unseren Geschmack etwas zu groß. Wenn wir nicht müssen, werden wir Waren auch auf dem Rückweg auslassen. Manche Häfen wirken einladend, andere eher wie Bahnhöfe mit Wasseranschluss. Waren ist sicher schön, aber wir suchten diesmal mehr Ruhe als Betrieb.
Also weiter.
Dann kam der Stau auf dem Reeckkanal. Ja, den gibt es nicht nur auf der Straße. Auch auf dem Wasser kann der Verkehr plötzlich stehen, nur dass niemand hupt und alle so tun, als seien sie völlig entspannt. Die Information wanderte als stille Post von Boot zu Boot: Der Käpten eines Hausboots, eher Floß als Schiff, kam mit der Materie offenbar nicht ganz zurecht.
Was soll man machen? Man reiht sich ein, fährt im Standgas und nimmt es als Übung in Gelassenheit. Auf dem Wasser ist Standgas manchmal kein Betriebszustand, sondern eine Lebenshaltung.
Schließlich erreichten wir den Kölpinsee. Dort verbrachten wir die Nacht auf einem eher ungewöhnlichen Ankerplatz. Wir lagen 200 bis 300 Meter vom Ufer entfernt und ankerten bei nur zwei Metern Wassertiefe. Das fühlte sich erst etwas seltsam an, war aber ruhig und passte. Ein Boot braucht nicht immer eine Bilderbuchbucht mit Schilf und Abendromantik. Manchmal reicht ein ordentlicher Ankergrund, genug Abstand vom Ufer (gut gegen Mücken) und die Erkenntnis, dass man für heute nicht mehr weiter muss.
Heute, am 29.07., ankern wir auf dem Malchower See. Das Wasser liegt ruhig um uns herum, Malchow ist nicht weit, und wahrscheinlich werden wir am Freitag im Stadthafen festmachen.
Wahrscheinlich.
Denn nach den bisherigen Etappen wissen wir: Auf dem Wasser ist „wahrscheinlich“ kein Versprechen. Es ist eher ein höflicher Vorschlag an Wind, Wetter, Liegeplätze und die übrige Wirklichkeit





