11. Reisebericht – Von Malchow nach Plau am See

oder: Wenn Sonnenschirme fliegen lernen

Am Donnerstag, dem 30.07., machten wir nicht – wie im vorherigen Bericht noch vorsichtig angekündigt – „wahrscheinlich“ im Stadthafen von Malchow fest, sondern hochamtlich. Mit Leinen, Festmacherblick und dem sicheren Gefühl: Heute bleiben wir hier. Und das war eine gute Entscheidung.
Normalerweise bevorzugen wir, auch oder gerade bei schlechtem Wetter, einen gut geschützten Ankerplatz. Im 7. Bericht habe ich ja schon ausführlich beschrieben, warum ein vernünftig gewählter Ankerplatz oft besser ist als ein Steg, an dem das Boot bei Sturm wie ein Opferlamm zwischen Holz, Metall und Beton liegt. Aber zwischen Müritz und Plau am See ist die Sache etwas anders. Die Seen sind schon weit vor dem festen Ufer extrem flach. Man bekommt dort keinen richtigen Windschutz, sondern höchstens die Illusion davon. Und Illusionen halten selten gut, wenn eine Gewitterböe anklopft.
Also Stadthafen Malchow.
Vorsorglich machten wir das Boot mit vier Leinen am Schwimmsteg fest. Nicht irgendwie, sondern so, dass man wenigstens das Gefühl hatte, etwas Sinnvolles getan zu haben. Rechts und links von uns lagen zwei große Charterschiffe. Das sah zunächst harmlos aus, fast gemütlich. Drei Boote am Steg, etwas Hafenleben, Urlaubsluft, Restaurants in Reichweite. Man hätte glauben können, der Abend würde friedlich werden.
Dann kam die erste Gewitterböe.
Sie kam nicht freundlich. Sie stellte sich nicht vor. Sie war einfach da und brachte den Sonnenschirmen der Gaststätte das Fliegen bei. Eben standen sie noch brav herum, im nächsten Moment machten sie den Eindruck, als wollten sie sich beruflich verändern und eine Laufbahn als Segelflugzeug beginnen.
Die Bäume bogen sich bis an ihre Bruchgrenze.
Man sah ihnen an, dass sie gerade sehr ernsthaft mit dem Wind verhandelten. Zum Glück hielten sie durch. Das große Boot, das mit an unserem schmalen Fingersteg festgebunden war, hatte allerdings eine gewaltige Windangriffsfläche. Es wirkte plötzlich nicht mehr wie ein Boot, sondern wie eine weiße Hauswand mit Leinen dran.
Dann gab es einen Knall.
Kein kleines Knacken. Kein harmloses Geräusch aus der Kategorie „wird schon nichts sein“. Sondern ein Knall, bei dem man sofort aufrecht sitzt und der Puls fragt: „Darf ich weiter steigen?“
Das große Boot wurde mit brutaler Gewalt gegen den Steg gedrückt. Unsere Festmacherleinen spannten sich dermaßen, dass man darauf vermutlich das hohe C hätte spielen können. Einen Moment lang waren wir ziemlich sicher, dass der Fingersteg abreißen würde. Und dann, so sah es zumindest in der Phantasie aus, würden wir zwischen den großen Booten plattgedrückt werden wie ein Butterbrot im Reisekoffer.
Ingrid hatte dieses Bild mit weit aufgerissenen Augen offenbar schon vor sich. Ich wahrscheinlich auch, nur mit etwas mehr technischem Kommentar im Kopf. Man steht in solchen Momenten da, schaut auf Leinen, Steg, Nachbarboote und Himmel und merkt: Es gibt Situationen, da möchte man nicht recht behalten.
Zum Glück beruhigte sich der Sturm nach kurzer Zeit etwas. Der Steg blieb dran, die Leinen hielten, die Boote blieben Boote und wurden nicht zu schwimmenden Abrissbirnen. Über Blitzeinschlag mussten wir uns immerhin keine großen Sorgen machen. Die Gewitterzellen zogen rechts und links an uns vorbei. Das war freundlich vom Himmel. Er hatte offenbar genug damit zu tun, Sonnenschirme umzuschulen.
Als der Puls wieder auf Normalmaß zurückgekehrt war, beschlossen wir, am nächsten Tag etwas völlig Ungefährliches zu unternehmen: Busfahren. Genauer gesagt eine Rundfahrt mit dem roten Bus um den Plauer See. Nach einem Abend, an dem der Hafen kurz wie ein Katastrophenfilm mit Stegbeleuchtung gewirkt hatte, erschien uns ein Bus mit Fahrplan ausgesprochen zivilisiert.
Da wir zwei Nächte blieben, bekamen wir vom Hafenmeister die Kurkarte. Und diese berechtigte uns, den Bus kostenlos zu nutzen. Genial. Es gibt Dinge, die machen einen sofort milder gestimmt: ein sicherer Liegeplatz nach Sturm, ein gutes Essen – und öffentlicher Nahverkehr ohne Zusatzkosten.
Die Fahrt funktioniert nach dem Prinzip „Hop On – Hop Off“. Man kann also überall aussteigen, sich etwas anschauen und später weiterfahren. Beim ersten Mal empfiehlt es sich allerdings, die komplette Runde durchzufahren, um sich zu orientieren. Das dauert etwa zwei Stunden. Zwei Stunden schauen, einordnen, merken, wo man später vielleicht aussteigen möchte – und wo eher nicht.
Markante Punkte der Rundfahrt sind Malchow, der Bärenwald Müritz, Appelburg mit dem Antikspeicher, Plau am See, das Besucherzentrum Naturpark Nossentiner Heide sowie der Affenwald mit der Sommerrodelbahn. Das ist eine erstaunlich vielseitige Mischung. Bären, Affen, Antiquitäten, Naturpark, See, Stadt – im Grunde eine kleine Urlaubsmesse auf Rädern.
Malchow gefiel uns sehr gut, obwohl es touristisch ordentlich zuging. Aber der Ort kann das vertragen. Er hat Wasser, Brücke, Atmosphäre und genug Ecken, an denen man trotz Betrieb gern hinschaut. Malchow wirkt nicht nur wie ein Zwischenstopp, sondern wie ein Ort, der weiß, warum Menschen bleiben.
Plau am See war dagegen nicht unser Geschmack. Auch der Stadthafen überzeugte uns nicht. Das ist keine große Kritik, eher eine persönliche Feststellung. Manchmal kommt man irgendwo an und merkt: Für andere mag das passen, für uns nicht. Ein Ort muss nicht schlecht sein, nur weil man selbst nicht warm mit ihm wird. Und warm hatten wir in den vergangenen Tagen ohnehin genug.
Dann änderten wir zum x-ten Mal unseren Plan.
Schwerin fällt aus.
Eigentlich wäre es schön gewesen, auch Schwerin noch zu erreichen. Dann hätten wir mit Berlin, Potsdam und Schwerin drei Landeshauptstädte auf einer Reise gesammelt. Das hätte sich gut angehört. Fast offiziell. Aber wir wollten uns die stundenlange Fahrt über die Müritz-Elde-Wasserstraße und den Störkanal nicht antun. Uns gefallen die Seen deutlich besser. Mehr Weite, mehr Ankerplätze, mehr Wassergefühl – weniger Kanaldisziplin.
Also treten wir den Rückweg nach Neustrelitz an.
Das klingt nach Abbruch, ist aber keiner. Es ist eher eine Entscheidung zugunsten dessen, was uns auf dieser Reise am meisten Freude macht: Seen, Ruhe, gute Ankerplätze und die Freiheit, den Plan zu ändern, bevor er einem auf die Nerven geht.
Malchow hat uns Sturm, Busfahrt, schöne Eindrücke und eine neue Entscheidung geliefert. Nicht schlecht für zwei Tage. Und während wir uns innerlich schon auf den Rückweg einstellen, bleibt nur die alte Bootsfahrerfrage: Was wird diesmal unterwegs anders kommen als gedacht?

Malchow
Der Stadthafen
Das imposante Kloster
Unser Bus
Die Rundreise
Stadthafen Plau am See
Die Hebebrücke, hier geht es zur Müritz-Elde-Wasserstraße
Und schon ist der Eisbecher leer
Zum Abschied gönnen wir uns noch eine wohlschmeckende Pizza