- Schleusen
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oder: Geduld ist, wenn die Sonne mit uns wartet
Es ist Donnerstag, der 23.07. Nach dem üblichen Morgenritual – Kaffee, Nachrichten, Lagebesprechung und der inneren Prüfung, ob Mensch und Boot schon reisefähig sind – geht um 10:30 Uhr der Anker hoch. Der Ellbogensee bleibt hinter uns, und wir machen uns auf den Weg Richtung Müritz.
Um 11:30 Uhr erreichen wir die Schleuse Strasen. Und diesmal haben wir Glück. Richtiges Schleusenglück. Wir müssen gar nicht erst anlegen, sondern können als letztes Boot noch mit einfahren. Das klingt bequem, war aber eher Maßarbeit mit erhöhtem Puls.
In der Schleuse lagen die Boote auf Presspassung. Von unserem Motor bis zum Schleusentor blieben keine zehn Zentimeter Platz. Zehn Zentimeter sind im Alltag nicht viel. In einer Schleuse, hinter dem eigenen Motor, fühlen sie sich an wie ein ganzes Versicherungsformular. Der Schleusenwärter hatte allerdings ein gutes Auge. Er hatte vorausgesehen, dass alle Boote hineinpassen. Wahrscheinlich hätte er auch einen Möbelwagen in eine Telefonzelle dirigieren können.
Wir lagen also drin. Knapp, aber drin. Manchmal ist das auf dem Wasser schon ein voller Erfolg.
Die Strecke des Tages war nicht besonders lang. Auf dem Großen Pälitzsee ließen wir schon wieder den Anker fallen. Nach der Schleusen-Pressnummer war das auch völlig in Ordnung. Es gibt Tage, da muss man nicht weit fahren, um genug erlebt zu haben.
Am Freitag, dem 24.07., begann dann das, was man höflich „Geduldsprobe“ nennt. Die Schleusen Canow und Diemitz warteten auf uns – und offenbar nicht nur auf uns. Wir hatten das Gefühl, das halbe Land wolle zur Müritz. Boote überall. Große, kleine, breite, schmale, Charterboote, Privatboote, Menschen mit Sonnenhüten, Menschen ohne Sonnenhüte und vermutlich auch einige, die sich innerlich fragten, warum sie nicht doch wandern gegangen waren.
Da hilft nur eins: einreihen und abwarten. Wer auf dem Wasser unterwegs ist, lernt früher oder später, dass Schleusen keine Eile kennen. Sie haben Zeit. Sie sind aus Beton. Beton hat Geduld.
Canow und Diemitz waren allerdings nur die Übungsrunde. Die eigentliche Prüfung wartete in Mirow.
Nachdem wir durch die beiden Schleusen durch waren, fuhren wir über den Großen Peetschsee und den Vilzsee und übernachteten auf dem Mössensee. Ein ruhiger Abschluss nach einem Tag, an dem die Reise eher aus Warten, Nachrücken und gelegentlichem Vorwärtskommen bestand.
Am nächsten Tag ging es weiter nach Mirow. Zunächst fuhren wir an der Schleuse vorbei. Und dort konnten wir schon sehen, was uns später blühen würde: Boote ohne Ende vor der Schleuse. Eine schwimmende Warteschlange mit Sonnenbestrahlung. Der Anblick war eindeutig. Aber unser erstes Ziel lag nicht in der Schleuse, sondern am Mirower See.
Genauer gesagt: beim Fischer.
Dort warteten Fischsoljanka und Räucherfisch. Und wenn man weiß, dass irgendwo gute Fischsoljanka auf einen wartet, dann werden auch lange Schleusen-Warteschlangen zur Nebensache.
Also erst essen.
Das ist keine Ausrede, das ist Reiseplanung.
Mit vollem Bauch und deutlich besserer Laune reihten wir uns anschließend in die Schlange der Wartenden ein. Eigentlich sind wir zwei ziemlich geduldige Bürger. Wirklich. Wir können warten. Wir können auch ruhig warten. Aber diesmal wurde unser Geduldsfaden nicht nur strapaziert, sondern mit beiden Händen auseinandergezogen.
Vier Stunden in der prallen Sonne.
Vier Stunden.
Das ist keine Wartezeit mehr, das ist ein Charaktertest mit UV-Strahlung. Man steht da, schaut nach vorn, schaut nach hinten, rückt ein Stück weiter, freut sich kurz, merkt dann, dass es doch wieder nur drei Meter waren, und beginnt irgendwann, die Bewegungen der Schleusentore wie ein persönliches Schicksal zu deuten.
Als wir endlich dran waren, kam noch ein kleines Extra obendrauf. Wir fuhren als erste in die Schleuse ein und mussten ganz nach vorn, dicht an das vordere Tor. Das klingt nach Poleposition. In Wirklichkeit ist es eher der Platz, an dem man als erstes merkt, wie kräftig die Schleuse beim Füllen zupackt.
Die Strömung war dermaßen stark, dass Ingrid beim Halten der vorderen Leine sichtbar zu kämpfen hatte. Die Halsschlagadern schwollen an, die Leine spannte sich, das Boot zerrte, und für einen Moment hatte die Sache mehr mit Krafttraining als mit gemütlicher Binnenschifffahrt zu tun. Es war einer dieser Augenblicke, in denen man sehr genau weiß, warum Leinen nicht nur „irgendwie festgehalten“ werden.
Aber auch diese Schleusung hatte irgendwann ein Ende. Das Tor öffnete sich, wir fuhren hinaus, und es ging weiter auf die Kleine Müritz. Nach vier Stunden Sonne und einer Schleuse mit Muskelprogramm fühlte sich freies Wasser an wie eine Belohnung.
Doch die Kleine Müritz hatte noch eine kleine Überraschung für uns.
Wir fanden – zusammen mit vielen anderen – einen schönen Ankerplatz mit Windabdeckung aus Nordwest. Alles sah gut aus. Der Anker lag, das Boot richtete sich ein, die Lage wirkte vernünftig. Genau zehn Minuten lang.
Dann drehte der Wind auf Süd und frischte auf.
Wie unangenehm.
Plötzlich war der gute Platz nicht mehr gut. Aus Schutz wurde Offenheit, aus Ruhe wurde Bewegung, und aus zufriedenen Ankerliegern wurden gleichzeitig denkende Bootsbesatzungen. Es war fast komisch: Wie auf Kommando gingen überall die Anker hoch. Ein ganzes Feld von Booten setzte sich in Bewegung und wechselte auf die andere Seite.
Da wir am schnellsten reagierten, bekamen wir einen der besten Plätze. Das ist beim Ankern wie im richtigen Leben: Wer früh merkt, dass der Wind seine Meinung geändert hat, liegt später besser.
Wir hatten kaum fünf Minuten ruhig gelegen, da kam ein großes Charterschiff von Le Boat angerauscht. Es warf seinen Anker kurz vor unserem Bug. Kurz davor heißt: so kurz, dass man sich fragte, ob sie uns vielleicht als Festmacherpunkt eingeplant hatten.
Ich rief sofort hinüber, ob sie nicht sehen würden, wie sich die Boote ausrichten – und ob sie uns huckepack nehmen wollten.
Das wirkte.
Sie sahen sich um, erkannten das Problem und hievten ihren Anker ohne Murren wieder hoch. Schwitzend, manuell und mit der Erkenntnis, dass Ankern nicht nur aus „Eisen reinwerfen“ besteht. Danach vergrößerten sie den Abstand ordentlich, und die Lage entspannte sich wieder.
Nun liegen wir alle vernünftig verteilt auf der Kleinen Müritz. Der Wind darf drehen, wie er will, die Anker halten, und nach Schleusen, Sonne, Strömung und Charterboot-Ballett haben wir uns eine ruhige Nacht redlich verdient.
Zumindest hoffen wir das. Denn auf dem Wasser ist eine ruhige Nacht kein Versprechen. Sie ist immer nur ein freundlicher Vorschlag.




