7. Reisebericht – Von Liebenwalde zum Stolpsee

Schleusen
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oder: Warum ein guter Ankerplatz besser ist als falscher Mut am Steg

Um 9:45 Uhr öffnete sich die Klappbrücke von Liebenwalde. Das ist immer ein schöner Moment: Vor einem hebt sich die Brücke, hinter einem bleibt der Stadthafen zurück, und irgendwo zwischen Motorbrummen und leichter Aufbruchsstimmung denkt man: Jetzt geht es wieder weiter.
Für dieses Jahr kehrten wir Liebenwalde endgültig den Rücken. Nicht beleidigt, im Gegenteil. Liebenwalde hatte uns gut versorgt, gut bekocht und uns mit einem Liegeplatz empfangen, den man fast schon als Stammplatz bezeichnen konnte. Aber irgendwann muss man auch dem besten Stadthafen freundlich zunicken und sagen: „War schön mit dir, aber wir müssen weiter.“
Unser Kurs führte wieder Richtung Zehdenick und Stolpsee. Um 13:30 Uhr erreichten wir unseren Ankerplatz auf dem Prerauer Stich. Dort blieben wir nur eine Nacht. Der Platz war ruhig, vertraut und angenehm, aber diesmal war er eher Zwischenstopp als Bleibe. Am nächsten Tag ging es weiter, nun in umgekehrter Reihenfolge wie auf der Hinfahrt, durch die Schleusen Schorfheide, Zaaren, Regow und Bredereiche.
Vier Schleusen hintereinander klingen auf dem Papier wie eine technische Randnotiz. In Wirklichkeit ist es ein kleiner Tagesrhythmus aus Warten, Einfahren, Festhalten, Wasserstand wechseln, Ausfahren und wieder von vorn. Man wird dabei nicht schneller, aber gelassener. Schleusen sind die Tempolimits der Seele.
Um 16:30 Uhr erreichten wir unseren Ankerplatz auf dem Stolpsee. Eigentlich wollten wir am Sonnabend weiter nach Fürstenberg in den Stadthafen. Eigentlich. Dieses kleine Wort hat auf Reisen ungefähr die Haltbarkeit eines Butterbrots in der Sonne.
Die Wettervorhersage hatte nämlich andere Pläne. Gewitter, Starkregen und die dazugehörigen Sturmböen waren angekündigt. Kein Wetter, bei dem man leichtfertig sagt: „Ach, wird schon.“ Auf dem Wasser ist „wird schon“ keine Strategie, sondern manchmal nur die höfliche Umschreibung für „wir hätten vorher besser nachdenken sollen“.
Manch einer würde sagen: Am Bootssteg liegt man sicherer als am Anker. Für die eigene Person mag das vielleicht stimmen. Für das Boot nicht unbedingt. Wer einmal gesehen hat, mit welcher Gewalt Wind Boote gegen Stege schleudern kann, vergisst das nicht. Wenn Fender abreißen oder hochfliegen und der Rumpf ungeschützt gegen Metall, Holz oder Beton donnert, hört sich das nicht mehr nach Hafenromantik an. Dann klingt es nach Rechnung, Ärger und viel Arbeit.
Deshalb entschieden wir uns gegen den Stadthafen und für unsere Ankerbucht. Der Stolpsee bot genau das, was wir brauchten: Platz, Schutz und Abstand zu allem, was einem Boot bei Sturmböen zu nahe kommen kann. Bis Montag, den 20.07., wollten wir dort bleiben und erst dann nach Fürstenberg weiterfahren.
Freitag Nacht verging.
Kein Gewitter.
Kein Sturm.
Kein Regen.
Nicht einmal ein halbherziger Tropfen, der gesagt hätte: „Ich bin wenigstens wegen der Vorhersage gekommen.“
Natürlich kann kein Meteorologe ein Gewitter auf den Kilometer genau vorhersagen. Das ist klar. Aber wenn ein großes Regenfeld angekündigt ist und dann gar nichts passiert, beginnt man schon, dem Wetterbericht mit leicht zusammengekniffenen Augen zuzuhören. Trotzdem: Lieber einmal zu vorsichtig als einmal zu spät. Auf dem Wasser gewinnt selten der Mutige. Meist gewinnt der, der rechtzeitig den besseren Platz gewählt hat.
Und damit sind wir beim eigentlichen Thema dieses Tages: dem Ankerplatz.
Eine ruhige Ankerbucht zu finden und richtig einzuschätzen gehört für mich zu den zentralen Fähigkeiten an Bord. Das klingt nüchtern, ist aber entscheidend. Gerade wenn man entspannt baden, ruhig schlafen oder einem angesagten Schwall Wind gelassen entgegensehen möchte, zeigt sich, ob man die Bucht richtig gelesen hat. Der beste Anker hilft wenig, wenn man ihn am falschen Platz wirft. Dann ist er nur ein teures Stück Metall mit Hoffnungsfunktion.
Meine praktische Herangehensweise ist klar: Der Ankerplatz sollte im Windschatten liegen, üblicherweise bei unseren Wetterlagen gut nach Westen geschützt, und möglichst auch etwas Schutz aus Norden und Süden bieten. Das Ufer darf gern einen Schilfgürtel haben. Schilf beruhigt nicht nur das Auge, es zeigt auch, dass die Bucht nicht ständig von Wellen durchgewaschen wird. Gleichzeitig achte ich darauf, genug Abstand zu hohen Bäumen zu halten. Ein schöner Baum ist ein schöner Baum. Ein umfallender Baum auf dem Boot ist ein sehr schlechter Gesprächspartner.
Dann kommen Tiefe und Ankergrund. Beide entscheiden darüber, ob der Anker hält oder nur so tut. Beim Einlaufen taste ich mit dem Echolot die Abstände und Tiefen ab. Ich suche einen Bereich, der tief genug zum sicheren Liegen, aber nicht unnötig tief zum Ankern ist. Auf dem Bildschirm des Echolots lässt sich oft erkennen, ob der Grund stark verkrautet ist. Das ist schlecht, denn in dichtem Kraut greift der Anker oft nicht sauber. Besser sind Schlamm oder Sand. Da kann er sich eingraben, und genau das soll er tun.
Bei drei Metern Wassertiefe lasse ich etwa neun Meter Kette raus, also im Verhältnis eins zu drei. Das ist für ruhige Bedingungen ein guter Anfang. Wenn stärkerer Wind zu erwarten ist oder genug Platz vorhanden ist, darf es auch mehr sein. Kette ist keine Dekoration, sondern Sicherheit. Sie sorgt dafür, dass der Zug flacher am Anker ankommt und dieser nicht nach oben herausgerissen wird.
Ist der Anker gefallen, kommt der entscheidende Moment. Nicht einfach Motor aus und zufrieden gucken. Erst wird geprüft. Kurz rückwärts mit mehr Leistung, beobachten, ob sich die Kette sauber spannt und ob der Anker hält. Wenn das Boot stehen bleibt und nicht weiter nach achtern wandert, ist das ein gutes Zeichen. Dann merkt man: Der Anker hat gebissen.
Erst danach beginnt der angenehme Teil. Motor aus, Lage prüfen, Blick über die Bucht, vielleicht ein zufriedenes Nicken. Dann darf man den Platz genießen.
So lagen wir also auf dem Stolpsee. Der angesagte Sturm kam nicht, der Regen machte offenbar woanders Urlaub, und unser Anker hielt, als hätte er persönlich unterschrieben. Man könnte sagen, die Vorsicht war übertrieben. Ich sehe das anders: Eine gute Entscheidung bleibt auch dann gut, wenn das Wetter am Ende so tut, als wäre nie etwas gewesen.
Und während der Stolpsee ruhig um uns herum lag, blieb nur eine Frage offen: Was würde Fürstenberg am Montag für uns bereithalten – freien Platz, gutes Wetter oder wieder einen neuen Grund, den Plan umzuschreiben?

Die rote Stecknadel, das sind wir und wir haben auf den Regen gewartet.