von Neustrelitz bis zum Woblitzsee

Fahrzeit
3:45
Schleusen
1
Liegeplatz
Ankern im Woblitzsee

Tag 1 +2 – Ablegen, bevor die Vernunft es sich anders überlegt

29. Mai 2025, 16:30 Uhr. Der Motor brummt. Die Leinen sind los. Es ist soweit – und damit meinen wir es wirklich ernst.

Unser Motorboot liegt tatsächlich fünf Zentimeter tiefer im Wasser als üblich. Fünf Zentimeter, die stellvertretend stehen für: zwei Kisten Wein, reichlich Konserven (man weis ja nie) und reichlich Leinen, die man ja nie hat, wenn man sie braucht. Natürlich waren die Tanks für Wasser und Benzin randvoll. alles in allen Vollbeladen für den Sommer. Wir sind bereit. Der Zierker See ist es auch – er glitzert so einladend, als hätte er sich extra für uns herausgeputzt.

Von unserem Liegeplatz am Zierker See in Neustrelitz geht es zunächst über den See selbst, dann in den Kammerkanal. Das Ziel: Schleuse Voßwinkel. Unser erster Kontrollpunkt auf dem Weg in die große Freiheit.

18:00 Uhr – Schleuse Voßwinkel: Die erste Lektion in Demut

Wer schon einmal geschleust wurde, weiß: Es gibt kaum einen besseren Moment, um über das eigene Leben nachzudenken, als wenn man in einer steinernen Kammer sitzt und wartet, dass das Wasser fällt. 1,8 Meter abwärts – das klingt nach wenig, fühlt sich aber an wie eine philosophische Erfahrung. Es ist absolut faszinierend, wie alltägliche Momente plötzlich eine tiefere Dimension annehmen und sich wie eine philosophische Erfahrung anfühlen können.

Die Schleuse Voßwinkel arbeitet vollautomatisch. Kein Schleusenwärter, dem man zunicken könnte, kein Smalltalk über das Wetter. Nur die stumme Effizienz einer Anlage, die seit Jahren ihren Dienst tut, ohne Applaus zu erwarten.

Schleuse Voßwinkel – Technische Daten

Lage: Kammerkanal, km 88,0

Kammerlänge: 43,1 m | Kammerbreite: 5,3 m

Hub: 1,8 m | Betrieb: vollautomatisch

Und dann: der Woblitzsee. Das Tor zur Nacht.

Die Woblitz – Wo der Anker fällt und die Seele atmet

Anker fällt. Stille. Und dann: super geschlafen.

Das klingt lapidar, aber wer auf dem Wasser schläft, weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Der Woblitzsee verdient ein Lob: Er schaukelt sanft genug, um einzuschlafen, aber nicht so sanft, dass man vergisst, wo man ist.

Die Woblitz besteht aus zwei Seeteilen – einem südwestlichen und einem nordöstlichen – die durch einen malerischen Verbindungsarm zusammenwachsen, als hätten zwei Seen beschlossen, Seite an Seite alt zu werden. Am Südwestufer liegt Wesenberg, eine Kleinstadt, die jeden Ausflug wert ist. Und am Ufer schmiegt sich der Campingplatz Havelberge – mit Zelten, Wohnwagen, Ferienhäusern und Kanuverleih. Kurz: Alles, was das Herz begehrt, solange es mit Wasser zu tun hat.

10:15 Uhr: Anker hoch und los. Die Woblitz hat uns gut behandelt. Wir erwidern die Freundlichkeit, indem wir sie nicht vergessen.

Ein kleiner Umweg durch 400 Jahre Geschichte

Wer auf der Oberen Havel unterwegs ist, fährt auf einer Wasserstraße, die seit dem 17. Jahrhundert existiert – und bis nach Neustrelitz reicht, seit das 19. Jahrhundert sich dachte: Warum aufhören, wenn es so schön ist?

97,4 Kilometer, 11 Schleusen, insgesamt 22 Höhenmeter bergauf. Das klingt nach Sport. Ist es auch. Aber der schöne. Die Brückendurchfahrtshöhen beginnen bei 4 Metern und sinken ab Schleuse Voßwinkel auf 3,5 Meter – wer also einen Mast mitbringt, der höher ist, möge die Karte nochmals studieren.

Besonders zu empfehlen: Ab Burgwall wird’s richtig schön. Der natürliche Havelfluss, kaum begradigt, schlängelt sich durch eine Landschaft, die aussieht, als hätte sie nie etwas von Urbanisierung gehört. Hier zweigen die Wentower und Templiner Gewässer ab. Wer Zeit hat, biegt ab. Wer keine hat, bereut es später.

Und dann: der Stolpsee. Der Abzweig zu den Lychener Gewässern. „Fast schon ein Muss“, sagen wir. Und wir meinen es ernst.

Obere-Havel-Wasserstraße – Auf einen Blick

Länge: 97,4 km | Schleusen: 11 | Höhengewinn: ca. 22 m

Brückenhöhe: 4 m (ab Schleuse Voßwinkel: 3,5 m)

Tiefgang: 1,6 m bis Zehdenick | 1,4 m bis Neustrelitz

Unser Club
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