Stettiner Haff – Stellnetze, Vorsicht und der Weg nach Wollin
Raus aufs Stettiner Haff. Und da sind sie: die vielen Fähnchen und Stangen zur Kennzeichnung der Stellnetze. Die Fischer arbeiten hier, und das in einer Dichte, die beeindruckt. Wir wählen den schmalen Weg durch das Labyrinth aus Bojen und Netzmarkierungen. Aufpassen ist keine Option, es ist Pflicht.
11:30 Uhr: Ankunft in Wollin.
Navigation nach Wollin (für Ortsunkundige, nur bei Tag empfohlen):
Ab Tonne ME-W: Kurs 082° Richtung Tonne W4
Fahrwasser stark zur Versandung neigend | Ab Tonne W3: ca. 3 m Tiefe
Brückendurchfahrtshöhe feste Brücken: 12,2 m
Brückenöffnungszeiten Saison (Mai–Aug): Mo-Fr 10:00 und 16:00 Uhr
Sa/So/Feiertage: 10:00, 14:00 und 18:00 Uhr
Wollin / Wolin – Wo Vineta schläft und Wikinger feiern
Manche Orte haben eine Geschichte. Wollin hat mehrere – und eine davon ist so reich, so verworren und so faszinierend, dass man stundenlang am Hafensteg sitzen könnte und zuhören würde, wenn die Stadt sprechen könnte.
Historiker vermuten, dass hier – genau hier – die sagenumwobene Stadt Vineta stand. Die Stadt, die nach der Legende im Meer versank, weil ihre Bewohner zu viel in Wollust und Gottlosigkeit schwelgten. Nur alle hundert Jahre darf sie in der Osternacht aufsteigen und kann durch den Kauf einer Ware erlöst werden. Eine Geschichte, die Christen damals gut ins Konzept passte.
Die Realität ist nüchterner – und trotzdem beeindruckend. Archäologische Ausgrabungen seit den 1930er-Jahren belegen: Hier war eine reiche slawische Handelsstadt, die vom 8. bis zum 11. Jahrhundert florierte. Fast 40.000 Rohprodukte aus Horn wurden gefunden, Bernsteinschmuck in rauhen Mengen, Bronze- und Eisenverarbeitung, Bleiglas. Rund 100 Kilogramm Gold wurden bisher gehoben – „das Gold des Nordens“.
Adam von Bremen bezeichnete die Stadt als die größte Europas. Der arabische Kaufmann Ibrahim Ibn Jakob berichtete von zwölf Stadttoren und einem großen Hafen, dessen Anleger aus ganzen und halbierten Baumstämmen bestanden. Vineta war ein Schmelztiegel – Menschen verschiedenster Nationen durften hier wohnen und handeln, solange sie ihren Glauben nicht öffentlich zeigten.
Die Wikinger unter Harald Blauzahn überfielen die Stadt. Sie wurde neu gegründet als Jumneta, später Julin, dann Wollin. Die Pommernherzöge setzten das Christentum durch, die Dänen unter König Waldemar zerstörten sie 1170 bis auf den Grund. Was blieb, wurde Wollin – eine Schiffer-, Fischer- und Ackerbürgerstadt.
Heute ist die restaurierte Kirche eine Sehenswürdigkeit, die Holzschnitzereien im Ort sind beeindruckend konzentriert, und das Wikingerdorf Jomsburg auf der vorgelagerten Insel lässt Geschichte lebendig werden. Seit 1993 findet hier jährlich das Wikinger-Festival statt – eines der größten seiner Art im Ostseeraum.
Wir machten einen Ausflug zum großen Aussichtsturm. Er ist schon vom Stettiner Haff aus zu sehen – und von oben sieht man zurück, woher man kam. Das hat etwas.
Montag, 16. Juni. 10:00 Uhr. Weiter zur nächsten geschichtsträchtigen Stadt. Aber zuerst noch einmal ankern – vor Kamień Pomorski, in der Zatoka Cicha. Zwei Nächte. Weil man sich Zeit lassen darf.